Gedanken zu Virtualität und Sinnlichkeit

Für einen Buchbeitrag denke ich über Folgendes nach – vielleicht möchtet Ihr Euren Blickwinkel dazu mit mir/uns teilen – gerne als Kommentar oder persönlich.

In Resonanz mit der sinnlichen Welt
– der Beitrag der Kunstpädagogik zu einer welthaltigen Erkenntnis angesichts digitaler Distanzierungsbewegungen

Mir scheint, ein großes Problem unserer Zeit ist, dass wir uns oft /vielleicht vorwiegend in einseitig rationalen, versachlichten – mit einer Terminologie von Adorno vielleicht auch erkalteten – Denk- und Handlungsräumen bewegen und so den Kontakt zur sinnlichen Welt sowie zu einer anderen Form der Bewusstheit vernachlässigen, wenn nicht gar verlieren.

Wir zelebrieren eine rationalistische Verstandeskultur, die in ihrer Einseitigkeit, das menschliche Gehirn (heute gerne auch ganz im technischen Geist als Festplatte bezeichnet) in das Zentrum des Universums stellte und dabei einsam werden ließ. Vielfach fehlt dem modernen Kopfmenschen die Bodenhaftung und umso stärker fordert dieser Teil des Menschseins Beachtung und füllt Fitness-Center, Waldkindergärten und Body-Awareness-Seminare. Weiterlesen

Advertisements

Bildung auf Tellern oder: wie kann Schule eine gute Basis für lebenslanges Lernen und innovatives Klima bilden?

annaschirmer_tellerrand

Wie soll man hier über den Tellerrand schauen, wenn man schon kaum auf den Teller blicken kann? (Skizze AMS)

In einem Buch des nobelpreisdekorierten Neurowissenschaftlers Eric Kandel entdeckte ich eine Aussagen, die ich im Folgenden kommentieren und ausführen möchte:

Weil Gymnasiasten einen hoch qualifizierten Unterricht in den Geistes- wie auch in den Naturwissenschaften erhielten, entwickelten sie breit gefächerte kulturelle Interessen. Ihre Ausbildung befähigte sie, die Kluft zwischen Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft und Kunst mit Leichtigkeit zu überwinden.“ (Kandel 2014, 50)

In seinem Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis“ beschreibt Kandel die Situation in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts und das geistige Klima, das dort herrschte. Ein Klima, das auch durch interdisziplinäre Zusammenarbeit und wissenschaftlichen Aufbruchs geprägt war, so Kandels Beobachtung. Er schildert eine Zeit, die von großem Interesse an Grenzüberschreitungen geprägt war und zeichnet die wechselseitige Bereicherung von Wissenschaft und Kunst nach.

Das Gymnasium sei der Ort gewesen, an dem der Grundstein für dieses innovative Klima gelegt wurde, denn dort habe man nicht nur Wissen in diversen Bereichen erworben, sondern Interessen entwickelt. Mehr noch, man habe breitgefächerte, kulturelle Interessen entwickelt, und die Fähigkeit, Grenzen zu überwinden.

Betrachten wir die aktuelle Situation wird deutlich: was wir besonders nötig haben, ist ein Klima der Innovation und Grenzüberschreitung. Ein Denken, das den eigenen Tellerrand nicht verlässt, können wir uns nicht leisten.

Es wäre also wünschenswert, dieses Potenzial von Schule, das Kandel meint, wieder in den Blick zu nehmen. Weiterlesen

Neues, Altes, Eigensinniges – über die Rolle der Intuition im Denken und Gestalten

Als Fortführung zum letzen Blogeintrag möchte ich nun einen ganz kleinen Auszug aus meiner Dissertation zeigen. Der fragmentarische Charakter ist dadurch zu erklären …

„Der wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schaffen. Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. Ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz zu finden“ (Auster 1990).

Wenn wir einen Stift zur Hand nehmen und beginnen, Punkt an Punkt, Linie an Linie zu setzen, dann öffnet sich stets ein besonderer Möglichkeitsraum. Wir machen uns die Dinge auf einer elementaren und dennoch endlos differenzierbaren Ebene greifbar und vergewissern uns in diesen Akten der Welt und unser selbst. Im Gestalten ritzen wir der Welt unsere Linie ein, machen uns mit ihr vertraut, und stoßen dennoch unmittelbar auf Unerkanntes, Fremdes im Gegenüber des Bildes. Die Spur, die sich auf dem Blatt materialisiert, beginnt eine Geschichte mit uns, denn durch unsere Handschrift hindurch entwickelt das Bild ein Eigenleben und verweist damit über das, was wir aktuell sind, hinaus. Das, was wir bildnerisch hervorbringen, spiegelt uns und überschreitet uns zugleich, wenn sich der Eigensinn des Sinnlichen einschaltet. Innen und Außen begegnen sich, fallen für Momente ineinander und trennen sich doch schon im nächsten Augenblick wieder. Das Spiel der Erkenntniskräfte beginnt …

Skizze, Vogelflug über Klippen, Bewegungsstudie von Anna-Maria Schirmer

Skizze, Vogelflug über Klippen, Bewegungsstudie von Anna-Maria Schirmer

(große Auslassung)

Susanne K. Langer verleiht der Kunst Bodenhaftung, denn für sie ist ein Kunstwerk nicht etwas, das einem genialen Geist per Inspiration eingegeben wird, sondern es beruht auf Fähigkeiten, die gebildet werden können[1].

Synonym zum Begriff des Formgefühls kann auch von Intuition gesprochen werden, denn Intuition ist bei Langer die Grundlage, auf der Formentsprechungen erkannt werden. Auch in diesem Punkt bleibt Langer nahe an den Gedanken von Ernst Cassirer und führt diese mit einer biologischen Fundierung weiter aus. In deutlicher Unterscheidung zu Henri Bergson, der mit seinem philosophischen Intuitionismus die Intuition dem verdinglichenden Intellekt gegenüberstellte (vgl. Schneider 1998, 42 f.), geht Langer davon aus, dass auch Intuition eine intellektuelle Leistung ist, die zur Entwicklung von Symbolen nötig ist, diese, genau genommen, sogar erst ermöglicht.

Der Kritik Bergsons an der Versachlichung, Verzerrung und Fragmentierung der Wirklichkeit durch die rationale Überformung stellt Langer ihr Modell der präsentativen Symbolik als lebendige Form des Denkens und Vorstellens gegenüber (vgl. Lachmann 2000, 76). Der Einwand Bergsons, der sich etwa auch bei Walter Benjamin findet, wenn dieser von „Eiswüsten der Abstraktion“ (zit. nach Adorno 1994, 9)spricht und damit den Charakter einseitiger Vernunftorientierung im Zuge eines überspitzten Aufklärungsdenkens zu fassen sucht, wird von Susanne Langer aufgenommen und in einen neuen philosophischen Erklärungsansatz gewandelt.

Gefühl und Intuition sind für sie essenzielle geistige Leistungen, die zu lange und zu unrecht aus dem Kreis der Ratio ausgeschlossen wurden. Dabei hat sie den Anspruch, eine naturalistische Auffassung des menschlichen Geistes zu verfassen. Das heißt, sie verzichtet auf transzendentale oder metaphysische Begründungen und betrachtet die Geistesfähigkeiten als naturgegeben und das Denken als einen vollständig natürlichen Prozess. Konsequent leitet sie ihre Annahmen aus konkreter Beobachtung ab. Da ein Schwerpunkt ihrer Arbeit die geistige Tätigkeit der Künstler betrifft, versucht sie aus einem „Atelierstandpunkt“ (Lachmann 2000, 12), also aus der Sicht des Künstlers ihre Theorie zu entwickeln. Die Begriffe des Formgefühls oder der Intuition sind bei Langer dementsprechend von jeder esoterischen oder anderweitig zweifelhaften Konnotation befreit.

Stellt man diesem philosophischen Modell des Geistes neuere Erkenntnisse aus der Hirnforschung gegenüber, so ergeben sich erstaunliche Parallelen. Susanne Langer betont die Erkenntnis stiftende Rolle des Gefühls und der Intuition im Erkenntnisprozess und widerspricht damit einem tief in unserer Denktradition verwurzelten Dualismus zwischen Gefühl und Verstand. Damit nimmt sie eine These vorweg, die durch die Neurowissenschaften bestätigt wurde. Während sich auch dort zunächst der Dualismus zwischen Emotion und Kognition fortsetzte, indem man das Gefühl einem stammesgeschichtlich alten, wenig entwickelten Hirnareal zuordnete, während das rationale Denken dem jüngsten und am weitesten entwickelten Hirnzentrum zugewiesen wurde (vgl. Fuchs 2013, 69 f.), kann man heute auch auf neuronaler Ebene von einem „Zusammenspiel verschiedener Untereinheiten innerhalb des Gesamtsystems“ (ebd. 73) ausgehen.

Der Hirnforscher und Philosoph Gerhard Roth wendet sich gegen eine wertende, hierarchische Vorstellung des menschlichen Hirns, denn „Geist werde nach dieser dichotomen Idee gegen Körper, Verstand gegen Gefühle – und Willensfreiheit gegen Triebe ausgespielt“ (Vetter 2010, 36). Er betont die funktionale Verbindung der einzelnen Hirnbereiche und kommt zu dem Ergebnis, dass Gedächtnis- und Bewertungssystem, Emotion und Kognition permanent interagieren (vgl. ebd. 36). Vernunft und Emotion oder auch Ratio und Intuition können nicht als entgegengesetzte oder sich gar gegenseitig ausschließende Vermögen gesehen werden, wie dies gelegentlich auch Theorien zur Lateralität nahelegen (vgl. Edwards 2012, 56). Auch für Antonio Damasio ist die Durchdringung von Emotion und Kognition die Voraussetzung für die Entstehung von Bewusstsein (vgl. Engelen 2007, 59). Damasio weitet das Feld des in unserem Bewusstsein Repräsentierbaren weit über die Sprache hinweg aus. Für ihn beginnt mentale Repräsentation – und letztlich Bewusstsein – auf der Ebene körperlicher Sensationen. Er unterscheidet zwischen Repräsentationen erster und zweiter Ordnung sowie Emotionen erster und zweiter Ordnung. Die Repräsentationen erster Ordnung betreffen sinnliche Wahrnehmungen unseres Körpers als auch die der Objekte unserer Umwelt, während die Repräsentationen zweiter Ordnung zum Beispiel Vorstellungsbilder sind, die auf Denkprozessen beruhen. Analog sind Emotionen erster und zweiter Ordnung durch den Reflexionsgrad zu unterscheiden (vgl. Vetter 2010, 38 f.; Engelen 2007, 61 f.).

Bewusstsein ist nicht vorauszusetzen, sondern muss gebildet werden und kommt nie ohne Emotion zustande, so Damasios These. Parallelen finden sich in Langers Ausführungen zum symbolischen Bewusstseinsstrom. Hier werden in Gestalt der präsentativen Symbole ebenfalls ganz elementare Formen der Körperrepräsentation mitgedacht.

(…)

[1]     Langer widerspricht freilich an keiner Stelle der Annahme, dass es auch angeborene Talente gibt. Sie hält lediglich fest, dass Sinn für Formen ausbildbar ist. Die positive Bildungsprognose, die sich auf dieser Basis entwickeln lässt, wird später weiter ausgeführt. Vgl. Textteil II: „Rückschlüsse, Annahmen und Konsequenzen aus den Fallstudien“.

Irritation und Intuition

Irritation und Intuition

Auf einem Barcamp zum Thema Wissensmanagement gingen wir in einer Diskussion der Frage nach, welche Rolle Irritation und Intuition im Prozess des Wissenserwerbs spielen.

Im Folgenden möchte ich eine modellhafte Vorstellung sowie einige fragmentarisch Gedanken zu diesem Komplex zur weiteren Diskussion stellen. Auf wissenschaftliche Genauigkeit (exakte Quellennachweise, Belege etc.) verzichte ich an dieser Stelle, da es sich um einen gedanklichen Entwurf handelt.

irritation_intuition

A. Wir brauchen Kategorien und Schemata um Wahrnehmen und Denken zu können Weiterlesen

normal?

Heute bin ich mich längere Zeit mit einem Text von Adorno auseinandergesetzt und viele wertvolle Gedanken gefunden. Unter anderem geht es in dem Text darum zu fragen, was Menschen unmündig macht und was dagegen zu tun ist. Er sieht einen Schlüssel in der Stärkung „der Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“ (Adorno, 1966/71, 93).

Statt den Realismus überzubewerten könnten wir uns auch immer mal die Welt anders denken oder wünschen, besser! Und noch besser wäre es dann, wenn wir die Dinge in die Hand nehmen, unsere schöpferischen Potenziale aktivieren und von Zeit zu Zeit das ein oder andere umgestalten.

Denn die Welt ist auch ein bisschen so, wie wir sie gestalten. Domnic Wilcox macht´s vor:

THE REINVENTION OF NORMAL from Liam Saint-Pierre on Vimeo.

Viele inspirierende Ideen von Dominic Wilcox findet Ihr hier:

 Dominic Wilcox