Prozesshaftes Arbeiten im Hybridunterricht

Zur Strukturierung von prozesshaftem Arbeiten im Hybridunterricht bietet sich das Arbeiten mit Projekttagebüchern an. Durch das Buchformat wird Unterricht von vornherein in Sequenzen und nicht in einzelnen Aufgaben gedacht und geplant.

Projekttagebuch (PTB): 

Die Idee des Projekttagbuches als didaktisches Medium im Kunstunterricht, habe ich von Rainer Goetz übernommen. Für ihn geht es im Kunstunterricht darum, Weltenvielfalt zu ermöglichen. 

  • Subjektorientierung, Differenzierung
  • Allmähliche Verfertigung der Ideen im Tun
  • Verschränkung von handwerklichem Können und experimentellem Ausprobieren

Prinzipiell ist das Projekttagebuch von einem Skizzenbuch zu unterscheiden. Während das Skizzenbuch vorwiegend auf das Sammeln von Inspirationen und Bildideen in Form kleiner, meist isolierter Zeichnungen ausgerichtet ist, steht im PTB das Herausarbeiten einer eigenen Themeninterpretation in Form eines zusammenhängenden Prozesses im Zentrum. Mit dem klassischen Tagebuch hat das bildnerische Projekttagebuch den hohen Individualisierungsgrad gemeinsam: In beiden Fällen geht es um individuelle Sichtweisen. Das PTB zielt allerdings nicht per se auf biografische Schilderungen und ist daher weniger privat.Es fordert und schult bildnerische Entscheidungsfähigkeit in einem hohen Maß, denn der vorstrukturierte Ablaufplan traditioneller Themenstellung (was wird unter Einsatz, welcher Techniken und Materialien wie bearbeitet ?) wird sukzessive durch selbstverantwortetes und stark individualisiertes Handeln ersetzt. Dabei ist viel Platz zum Ausprobieren auf der Suche nach dem je eigenen Gestaltungsweg. Wenn das Konzept aufgeht, entwickelt sich „ein experimenteller Prozess mit ständig neuen ästhetischen Erfahrungen“ (Goetz 1991, 103), der Gestalten, Reflektieren und Wahrnehmen wechselseitig aufeinander bezieht. Das PTB ist im Gegensatz zum Skizzenbuch prinzipiell auf die Verdichtung von Ideen angelegt und sorgt daher (bei guter methodischer Anleitung) dafür, dass Zufall und absichtsvolles Handeln, Experiment und gezielte Gestaltung konstruktiv ineinandergreifen. Was auf der einen Seite vielleicht auch zufallsgeleitet entstand, kann auf der nächsten Seite aufgegriffen und zum Prinzip gemacht werden

Das PTB im Hybrid- Fernunterricht 

Arbeiten Schüler*innen im Fern- Hybridunterricht mit Buchformaten, löst dies einige unterrichtspragmatische und didaktische Probleme:  

  • Das PTB kann aus verfügbaren Papieren selbst hergestellt werden, durch den interessendifferenzierten Ansatz, können Schülerinnen und Schüler mit den Materialien, die sie zu Hause haben arbeiten.
  • Das PTB kann problemlos transportiert und somit mit nach Hause und wieder zurück in die Schule genommen werden.
  • Im PTB bildet sich ein individueller Lernprozess ab, der für Schüler*innen und Lehrerinnen sichtbar ist
  • Das Format (Buch, Heft, Leporello) bildet einen „roten Faden“, dadurch geht der Lernzusammenhang auch über längere Fernunterrichtszeiten nicht verloren, sondern bleibt immer präsent.  
  • Die Arbeit mit dem PTB ist im Anspruchsniveau innerhalb einer Lerngruppe variabel gestaltbar (je nach Interesse und Ressourcen können Schüler*innen die Aufgaben sehr rasch oder auch sehr ausführlich bearbeiten; individuelle Stärken können eingebracht werden). 
  • Einzelseiten lassen sich problemlos fotografieren und zur Einzel- oder Gruppenbesprechung digital einreichen. (Besprechung ist dann über die Feedbackfunktion einer Lernplattformen oder per Videochat oder Videokonferenz möglich)
  • Der (Fern-Hybrid-) Unterricht wird per se in einer Unterrichtssequenz geplant und angelegt. Im Vergleich zu Einzelaufgaben ergibt sich dadurch ein größerer didaktischer Spielraum und die Möglichkeit, Lernzuwachs systematisch zu planen.

(tabellarische Unterrichtssequenz-Planungen findet ihr hier)

Wichtig für das Arbeiten mit dem PTB ist die Verschränkung von Input und Übungsphasen und Transferaufgabe. Führt man z.B. parallel ein Kunstheft, können Gestaltungsaspekte im Lehrgangsformat vermittelt und über Hefteinträge und Übungen gesichert werden. Das PTB ist dann der richtige Ort für freiere Transferaufgaben. (wichtig: Lehrgangsunterricht und Projektunterricht sollten im Idealfall parallel laufen, daher Kunstheft und PTB => ausführlich dazu Schirmer 2015, S.499f. )

Selbstorgansiertes Lernen

Die Fähigkeit, selbstorganisiert zu Lernen und zum Agent des eigenen Bildungsprozesses zu werden, ist wohl in jedem Menschen angelegt (z.B.natürliches Neugierverhalten), muss aber gepflegt und entwickelt werden. Nimmt Schule ihren Bildungsauftrag ernst, ist es ihre Aufgabe, diesen Weg in die Selbstbestimmung (Mündigkeit) systematisch zu gestalten. Real steht diesem Ziel vielfach eine Lehr-Lernkultur, die überwiegend auf Fremdbestimmung basiert im Weg. Das Resultat dieser pädagogisch per se fragwürdigen Praxis zeigt sich gerade in der überall auf Seiten der Schüler*innen Wie Lehrer*innen greifbaren Hilflosigkeit. Wer nicht lernt (oder gelernt hat) eigene Wege zu finden und zu gehen, bleibt in einer Situation in der die ausgetretenen Trampelpfade weg brechen, hilflos am Rand stehen…

Zu allen Formen habe ich Unterrichtseinheiten durchgeführt und veröffentlicht.

Lernen, eigene Ideen im Tun zu entwickeln

Die Schülerinnen und Schüler, lernen die Methode zunächst anhand angeleiteter Formate kennen. So arbeiten sie zum Beispiel zunächst an narrativen Projekttagebüchern. 

Abb.: Einzelseiten aus narrativen Projekttagebüchern zum Thema „Drache“ (6.Klasse). 

Hier wurde mit einer angeleiteten ersten Seite in das Thema „Drachenbuch“ eingeführt (sechste Klasse, Gymnasium). Alle Schüler entwickelten zunächst auf der ersten Seite eine Farbstimmung, aus der heraus sie dann individuelle Szenarien einer Drachengeburt entwarfen. Schon die erste Seite entwickelte sich bei den einzelnen Schülern sehr unterschiedlich. Auf den Folgeseiten konnten sie sie selbst entscheiden, was zu sehen sein sollte. Es gab nur die Auflage, gezielt einige Techniken, die zuvor geübt worden waren einzubringen. Die Bücher unterscheiden sich letztlich stark sowohl im Hinblick auf das, was die Kinder jeweils thematisierten (es gab Bücher über das Leben der Kampfdrachen, Prinzessinnengeschichten, Forscherbücher, etc.) als auch hinsichtlich des Stils, in dem sie ausgeführt wurden. So konnten in jedem Buch eigene Stärken und Schwächen gemeinsam erkannt und genutzt bzw. verbessert werden.

Abb.6 : Seiten aus einem gelenkt entdeckend-forschenden Projekttagebuch (11.Klasse). Hier wurden gezielt diverse Gestaltungsaufgaben bearbeitet. Das Buch umfasst insgesamt 28 Seiten. 

Das Format des gelenkt entdeckend-forschenden Projekttagebuchs wurde in einem W-Seminar in der elften Klasse des Gymnasiums eingesetzt. Zum Überthema „Schein und Sein“ untersuchten die Schülerinnen und Schüler Wahrnehmungsprozesse. Dazu stand ihnen ein breiter Strauss an bildnerischen Übungen zur Verfügung (zum Teil aus Smith 2011), aus welchen frei gewählt werden konnte. Die Spannbreite der entstandenen Bücher ist groß. So variiert die Anzahl der bearbeiteten Übungen und auch in der Ausführung der Aufgaben gibt es große Unterschiede. Das erste Beispiel zeigt Auszüge aus einem Buch einer Schülerin, die viele unterschiedliche Aufgaben bearbeitete.Hier wurde zunächst wenig in den Prozess eingegriffen. In den Beratungen ging es zunächst nur um kleine technische Tips, etwa den Einsatz der grafischen Mittel betreffend, etwa. Nachdem die Ideensammlung angewachsen war, wurde das Buch in der Gruppe besprochen, und wir überlegten gemeinsam, wo sich auf den Seiten starke Ansätze zeigten, und was wie weiter verfolgt werden könnte. 

Abb.: Seiten aus einem Projekttagebuch (11.Klasse). Dieses Beispiel entstand im gleichen Seminar. Diese Schülerin arbeitete allerdings an einer Aufgabe, die sie konsequent verfolgte.

Eine andere Schülerin blieb bei einer Aufgabe, die sie mit großer Stringenz über viele Seiten bearbeitete. Hier ging es in der Beratung um konkrete technische Tips etwa zur Farbmischung und zum Farbauftrag. 

Im Idealfall mündet das Arbeiten mit dem Projekttagebuch in einem freien Werkstattunterricht. Unterrichtet man beispielsweise eine Gruppe von 19 Schülerinnen und Schülern, werden auch 19 stark unterschiedliche bildnerische Wege zu einem gemeinsamen Überthema eingeschlagen. Zu einem gemeinsamen Überthema sucht sich jeder seinen Weg, seine Materialien, seine bildnerischen Methoden selbst aus und bedient sich dabei in der reich ausgestatteten Materialwerkstatt. Als Lehrerin bekommt man es dann mit einer der Gruppengröße entsprechenden Anzahl an unterschiedlichen bildnerischen Lösungswegen zu tun, die je individuell betreut werden müssen.  (dazu ausführlich: Schirmer 2015, S. 413f.)

2 Gedanken zu “Prozesshaftes Arbeiten im Hybridunterricht

  1. Danke, fürs ausführliche Vorstellen des Projekttagebuches. Ich werde es sicher in meinem Unterricht einsetzen! Das Unterrichtsbeispiel mit der Drachengeschichte fand ich sehr inspirierend.
    Um welche Bücher handelt es sich denn genau in deinen Literaturverweisen? Diese würden mich wirklich interessieren. Und auch vielen Dank für das verlinken des tollen Padlets!

    Viele Grüße
    Julia

  2. Vielen Dank für dein positives Feedback. Das freut mich sehr. Bei dem Text handelt es sich teilweise um einen Auszug aus einem Vortrag, den ich in Braunschweig hielt und der in einem kleinen Tagungsband veröffentlicht wurde: Anna-Maria Schirmer: Füllhörner und Tagebücher- offene Prozesse gestalten und beraten. In: Mügel/Wetzel: Interventionen. Lehrerhandeln in offenen bildnerischen Arbeitsprozessen. 2016.
    zudem beziehe ich mich in dem Blogbeitrag auf folgende Quellen:
    Goetz, Rainer: Interesse als Konzept der Vermittlung von Kunst und Subjekt. Nürnberg 1991
    Schirmer, Anna-Maria: ErkenntnisGestalten. Über die allmähliche Verfertigung der Erkenntnisse im bildnerischen Tun. München 2016
    Smith, Kerri: Wie man sich die Welt erlebt. München 2011

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