Kultur der Digitalität und Schule

Schülerarbeit K12
Schülerarbeit K12

In den letzten Monaten mussten Schülerinnen und Schüler notgedrungen per Fernunterricht beschult werden. Ad hoc wurde der Unterricht auf Email-Postkästen und digitale Plattformen ausgelagert. Eine bewusst gestaltete Kultur der Digitalität ist indes nicht allerorts sichtbar. 

Als der letzte Diskussionsbeitrag in dieser Reihe zum Thema Digitalisierung und Schule verfasst wurde, ahnten wir noch nichts von dem bevorstehenden Ausnahmezustand. 

In diesem Text wurden gesellschaftliche Veränderungen und ein sich allmählich abbildender Wandel in der Arbeitswelt skizziert und Rückschlüsse für Schule und Bildung formuliert. Im Kern ging es darum, darzustellen, dass es bei Digitalisierung um weit mehr geht, als den Einsatz digitaler Werkzeuge: die Digitalisierung bringt veränderte Wahrnehmungs- Handlungs- Kommunikations- und Denkformen mit sich, die sich in allen Bereichen des Lebens abbilden und damit einen kulturellen Wandel anstoßen. Traditionelle Bildungsziele wie Mündigkeit, Autonomie, Perspektiven- und Verantwortungsübernahme, sowie Gestaltungsfähigkeit rücken in diesem, auch eine transformierte Lernkultur fordernden Prozess auf neue Weise in den Fokus. 

Beschleunigte Schulentwicklung

Die letzten Wochen zeigten nachdrücklich, dass sich Lehrerinnen und Lehrer über alle Schulformen und Fächer hinweg in umfassender Weise mit diesen Veränderungen auseinandersetzen müssen. Im Idealfall bringen sich Bildungseinrichtungen in die Gestaltung des kulturellen Wandels aktiv ein; eine Mindestanforderung ist es allemal, vor dem Hintergrund veränderter Bedingungen und Anforderungen Lernkultur zu reflektieren. Daher greifen wir hier das Thema noch einmal vor den Erkenntnissen der letzten Wochen auf. Jetzt gilt es, eine beschleunigte Schulentwicklung bewusst zu gestalten.

Schülerarbeit K12 Kommunikation
Schülerarbeit (Kl. 12) – Bildnerische Bezugnahme auf eine künstlerische Position, Collage, aus dem Themenhalbjahr „Kommunikation“

Vom Präsenz- zum digital gestützten Fernunterricht

Mit den abrupten Schulschließungen war ein unvermittelter und leider vieler Orts auch reichlich unvorbereiteter Wechsel vom Präsenzunterricht zu digital gestütztem Fernunterricht unumgänglich. Dabei zeigte sich rasch ein sehr divergentes Bild. Während es an manchen Schulen und Hochschulen rasch gelang, bestehende Plattformen zu nutzen, um mit allen Lehrerinnen und Lehrern ein gemeinsames Vorgehen abzustimmen, entstand andernorts der Eindruck, jeder Lehrer und jede Lehrerin habe auf sich alleine gestellt eine Lösung zu finden.

Die Kreativität und Lernfähigkeit auf Seiten der Lehrenden ist durchaus ermutigend, zeigt sie doch eigentlich eine große Veränderungsbereitschaft. (eine Veröffentlichung mit Erfahrungsberichten von Kolleginnen und Kollegen ist gerade in Arbeit…)

Rasch wurde deutlich, dass Schulen in stark differierendem Maß auf eine bereits installierte digitale Infrastruktur sowie die dazugehörige Arbeits- und Lernkultur zurückgreifen konnten und inwiefern sich das auswirkte.

Probleme über die Technik hinaus

Wie durch ein Brennglas wurden allerdings auch Probleme deutlich, die weit über das Funktionieren und die Beherrschung von Technik hinausgehen und vielmehr als Indiz zu sehen sind, für die Differenz zwischen gelebter Schulwirklichkeit und wünschenswertem Bildungsideal: fehlende Bildungsgerechtigkeit, mangelnde Selbständigkeit, brüchige Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen sind einige der zentralen und vielfach geäußerten Brennpunkte. 

Vergleicht man unterschiedliche Erhebungen, erhärtet sich der Eindruck, dass lehrerzentrierter, kleinschrittiger Unterricht im Einbahnstraßen-Format die Unterrichtsituation vielerorts dominierte. So lag die Nutzung von Aufgabenblättern mit ca. 85% weit vor interaktiven Formaten wie Video- oder Schreibkonferenzen (https://deutsches-schulportal.de/unterricht/das-deutsche-schulbarometer-spezial-corona-krise/ ). Die Anzahl an Erklärvideos, die allzu schnell einen stark lehrerdominerten Frontalunterricht im Vortragsformat fortschreiben, schnellte in die Höhe und E-Learning-Formate wie etwa die Quizz-App, die den selbstbestimmten Anteil der Schülerleistung auf einen Klick an der richtigen Stelle herunterschraubt, erfreuten sich wachsender Zugriffszahlen. Zeitgleich wurde allerorts die mangelnde Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler bemängelt und Chancenungleichheit beklagt. 

Bildung unter den Bedingungen der Digitalität

Von einer „Bildung unter den Bedingungen der Digitalität“ (https://axelkrommer.com) ­– wir skizzierten diese im letzten Beitrag ­– sind wir hier weit entfernt. So lange digitale Werkzeuge, Plattformen und dergleichen nur ersetzen, was vorher analog geschah, werden diese keinen Mehrwert entfalten können.  Sie werden möglichweise sogar eine Lernkultur zementieren, die gerade nicht zeitgemäß und zukunftsweisend ist, denn die Möglichkeiten der kleinschrittigen Fremdbestimmung, der permanenten Kontrolle und strikten Lehrerzentrierung können durch Lernprogramme und digitale Lernformate nahezu potenziert werden (Watters 2020)

Daher sollte klar sein: Der Ruf nach Digitalisierung von Schulen reicht nicht, mag er auch noch so vielstimmig und laut sein. Gefragt sind stattdessen Initiativen, die das Potenzial digitaler Pädagogik differenziert bewerten und in eine neue Lernkultur einbringen. 

Kraftfelder einer im Aufbau befindlichen Kultur der Digitalität

Versteht man Kultur als Feld der gemeinschaftlichen Aushandlungen von Werten, Normen und Vorstellungen (Stalder 2016, 22), wird klar, dass sich die wachsende Digitalität in diese Prozesse einschreibt. Der Medientheoretiker Felix Stalder beschreibt diesbezüglich drei zentrale, interagierende Prinzipien. Ohne an dieser Stelle in einen notwendigen, kritischen Diskurs zu diesen Punkten einsteigen zu wollen, sollen diese drei Momente zunächst beschrieben und im Kontext jüngster Erfahrungen mit Bezügen zur Schulwirklichkeit versehen werden. 

Referentialität 

In der Ausbreitung von Informationstechnologien und Netzwerken setzt sich eine Entwicklung fort, die weit ins 20.Jahrhuntert zurückreicht. In einer permanent – und nun exponentiell –wachsenden Vielfalt an kulturellen Äußerungen ist die Konstruktion von Ich-Identität zu einer anspruchsvollen Aufgabe geworden (Keupp 1999). Es gilt, selbständig zu suchen, zu bewerten, zu verknüpfen, denn zeitgleich verblassen hierarchische Ordnungsmomente,  da etablierte Institutionen der Wissensverwaltung und Meinungsbildung an Autorität verlieren.

Neben das Schulbuch und Lehrer als Gatekeeper einer hierarchisch gesicherten Weltsicht, treten unzählige Informationsquellen mit bisweilen stark divergierenden Erklärungsansätzen und Meinungen. In dieser unüberschaubaren Vielfalt ist jeder (Lernende) permanent aufgefordert, sich in einer produktiven Leistung ein Weltbild zu generieren und das eigene Selbstbild zu konstituieren. Die, im Idealfall kritisch-reflexive Bezugnahme – oder Referenzialität – ist dabei das zentrale Moment. Aus didaktischer Perspektive geht es um die Befähigung zu eben jener produktiven Leistung: Aus einer Vielfalt an Informationen, Quellen, Impulsen gilt es, ein eigenes, tragfähiges Sinngebilde zu gestalten. Analog wie digital kann das Referenzieren geübt werden, wenn es beispielsweise um ästhetisch-bildnerische Forschungsprozesse, um Mapping oder das Anlegen individueller Sammlungen geht. Digitale Pinnwände können so eingesetzt werden, dass Schülerinnen und Schüler jenseits vorsortierter Inhaltsstrukturierungen eigene Referenzmomente finden und diese miteinander in Bezug setzen.  

In diesem Spiel gibt es Akteure, Beobachter und Mitläufer. Betrachtet man das Geschehen der letzten Wochen wird deutlich, dass sich aktuell bei weitem nicht jeder auf diesen aktiven Prozess einlässt. Da die alten Ordnungen aber zunehmend an Überzeugungskraft verlieren, kommt es zu populistischen Strömungen. Wenn alte Orientierungspunkte verblassen, die Kraft zur selbständigen Gestaltung von Erkenntnishorizonten aber noch nicht ausreichend entwickelt wurde, gewinnt der, der das einfachste Muster anbietet – und das scheinen Populisten der unterschiedlichsten Couleur zu sein. 

Gemeinschaftlichkeit

Bei der Konstituierung des Welt- und Selbstbildes spielt heute durch die allgegenwärtige Vernetzung Gemeinschaft als Raum der Verhandlung eine große Rolle. Da Wissen und Information vielfach in Netzwerken geteilt und auch generiert werden, wird die Meinung von Gruppen zu einer zunehmend bedeutenden Größe. Den Rang in der Aufmerksamkeitsskala bestimmt nicht mehr ein tradierter Status – „steht im Duden, muss stimmen!“ – sondern die Anzahl an Klicks und Likes. Positiv betrachtet ergeben sich hier Chancen über Beteiligung Demokratisierung und Dehierarchisierung zu befördern. Zeitgleich gilt es im anything goes der Meinungsbildung, Qualitäten zu sichern.

Bemüht man einen pädagogischen Fokus, stehen Autonomie und Mündigkeit, Dialogfähigkeit sowie Gemeinsinn im Zentrum. Jenseits stumpfer Anpassung an ein Kollektiv bewegt sich, wer frühzeitig „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“ (Adorno 1966/71, 93) erworben hat und zugleich die Gemeinschaft als Quelle diverser Sichtweisen zu nutzen weiß. 

Didaktisch gilt es also Werkzeuge einzuüben, die auf bewegliche Perspektivenübernahme und reflektierte Meinungsbildung innerhalb von Gruppenprozessen zielen – zum Beispiel kollaborative Gestaltungsprozesse. Das Teilen von Inhalten, das ein Grundprinzip in sozialen Netzwerken darstellt, ist nicht nur in pragmatischer Hinsicht hilfreich, wenn es etwa um das gemeinsame Erstellen von Unterrichtsmaterialien oder Aufgaben für den Fernunterricht geht, es spielt im Erkenntnisprozess per se eine große Rolle: „ (…)Teilen ist zentral, denn Bedeutung kann niemand alleine her- stellen, dazu braucht es immer andere, die die eigene Auswahl validieren und erweitern“ (Stalder: https://www.kupoge.de/kumi/pdf/kumi160/kumi160_044-046.pdf). Wer also lernt, auf intelligente Weise Netzwerke anzulegen und zu pflegen, der hat durchaus die Chance, dass sich seine Kulturellen Horizonte öffnen und verdichten. 

Algorithmizität 

Die tägliche wachsende Menge an digitalisierten Informationen, können wir nur noch mittels Suchmaschinen bewältigen. Technologische Mechanismen zur Mustererkennung, die auf Algorithmen basieren, arbeiten permanent im Hintergrund, um Informationen und Daten zu filtern und bereits in Clustern anzubieten. Basis ist ein durchaus kritisch zu betrachtendes, gigantisches Datafzierungsprogramm, dass alles Greifbare in Daten umwandelt (dazu kritisch Damberger 2020, 149/Rittelmeyer 2018/Böhme 2020). 

Was auf der einen Seite hilfreich ist, wenn es um Suchfunktionen geht, führt andererseits aber auch zu Horizont verengenden Filterblasen. Wissen und Handlungskompetenz im Umgang mit der sich permanent ausdehnenden algorithmischen Grundierung der Wirklichkeit sind unumgänglich, soll selbstbestimmtes Handeln weiterhin möglich sein.

Die Bildungsaufgabe, die sich in Folge der alle Lebensbereiche durchziehenden Algorithmizität ergibt, ist vielschichtig. Vordergründig geht es sicher darum, sich Mechanismen zunutze machen zu können, indem sie ein Stück weit verstanden werden. Darüber hinaus gilt es, Interesse für Diversität und Vieldeutigkeit zu wecken und eine Wachsamkeit zu schulen, was Vereinheitlichungs- und Vereinfachungsmomente angeht. Wenn Algorithmen dafür sorgen, dass Gleiches zu Gleichem gesellt wird, entstehen solipsistische Echokammern und Kreiselbewegungen um Individualinteressen.

Es wird also nachzudenken sein, inwiefern Bildung vielleicht auch über Momente eines verbindlichen Wissenskanons für die Vermittlung eines breiten Weltbildes zu sorgen hat. 

Augenmaß: Werkzeuge bewusst in den Dienst nehmen

Im Prozess der Gestaltung einer (Lern-)Kultur der Digitalität gilt es Sensitivität und Augenmaß zu wahren. Statt Technikverliebt alles zu digitalisieren, was sich irgendwie digitalisieren lässt, gilt es weise abzuwägen: 

  • Welche Prozesse basieren auf pysischer Präsenz – auf Materialerfahrung und leiblicher Begegnung etwa – und können daher nicht auf digitale Werkzeuge und Lernplattformen ausgelagert werden? 
  • Welche Prozesse sollten digital ablaufen, weil sie nur dort möglich sind? 
  • Welche Mischformen sind denkbar?  
  • Wie kann Schule ganz real als Werkstatt valider Weltsichten gestaltet werden?

Schenkt man dem Kunstwissenschaftler Paolo Bianchi Glauben, dann gilt es gerade jetzt, kreative Kräfte zu aktivieren, um partizipative Antworten auf die vielfältigen Herausforderungen der Zeit zu finden. (Bianchi 2020)

Adorno, Theodor: Erziehung zur Mündigkeit. 1971

Quellen zum Text

Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt/M. 1971.

Bianchi, Paolo: Kreativität ist die Antwort gegen die Vergeudung des Lebens. (https://resetter.org/coronakrise/interview-kreativitaet-ist-die-antwort-gegendie-vergeudung-des-lebens/)

Damberger, Thomas: Künstliche Intelligenz und der Sinn von Pädagogik. In: Hübner,  E./Weiss, L. (Hg.): Resonanz und Lebensqualität. Opladen / Berlin /Toronto 2020.

Keupp, Heiner: Identitätskonstruktionen – Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek 1999.

Rittelmeyer, Christian: Digitale Bildung – ein Widerspruch. Oberhausen 2018.

Stalder, Felix: Kultur der Digitalität. Berlin 2016.

Watters, Audrey: Schule und Überwachung. 2020 (übersetzt von Philppe Wampfler: https://schulesocialmedia.com/author/phwampfler/)

Friedrich Jahresheft #schule DIGITAL https://deutsches-schu/porta/.de/unterricht/das-deutsche-schu/barometer-spezia/corona-krise/ https://axelkrommer.com  https://www.kupoge.de/kumi/pdf/kumi160/kumi160_044-046.pdf

KUNST+UNTERRICHT Heft 443/444 : 2020 Best.-Nr 51443

Artikel erschienen in:

KUNST+UNTERRICHT Heft 443/444 : 2020 Best.-Nr 51443 im Friedrich Verlag

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