Ausstellung zum Semesterabschluss an der KU Eichstätt-Ingolstadt

Zum Abschluss des Semesters durfte ich die Ausstellung der Studierenden in der Johanniskirche in Eichstätt eröffnen. (Zur Zeit bin ich an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt als Vertretungsprofessorin eingestellt).

(Flickr-Foto-Galerie)

Hier ein Mitschnitt der Rede:

(die geringe Qualität der Aufnahme bitte ich zu entschuldigen)

Für diejenigen die lieber lesen hier der Text meiner Rede:

Liebe Gäste, liebe Studierende, liebe Mitarbeiter

Ich freue mich ganz besonders, diese Ausstellung eröffnen zu dürfen.

Zur Einführung möchte ich versuchen, wenn nicht ein Resümee, so doch ein paar Gedanken zur kunstpädagogischen Arbeit zu formulieren.

Umgeben von so viel mit der Hand Gemachtem, fällt mir eine Schlagzeile, die dieses Jahr im Januar für einiges Aufsehen sorgte ein: Finnland schafft die Handschrift ab! ES geht um die Reform der Richtlinien zum Schreibenlernen in Finnland. Man hat dort tatsächlich den Gedanken gefasst, die Handschrift durch das Schreibenlernen mit der Tastatur zu ersetzen.

Nun schaue ich mich um, und sehe überall Handschriften. Handschriften in den Zeichnungen, Handschriften in den Schriftbildern, Handschriften als Spuren der Hände im Ton oder im Holz.

Handelt es sich beim Arbeiten mit der Hand um ein fossiles Relikt aus einer Zeit vor dem Computer, das wir eigentlich getrost über Bord unserer hochmodernen Bildungsschiffe werfen dürfen?

Warum zeichnen, malen und plastizieren wir, wenn heute jedes Handy gute Bilder macht und der erste Drei-D-Drucker für einen durchaus erschwinglichen Preis zu haben ist?

Die Hand, von Aristoteles noch als Werkzeug aller Werkzeuge bezeichnet, hat in den letzten Jahrhunderten eine große Abwertung erfahren.

Mit der Industrialisierung und Technisierung wurden sukzessive immer mehr Tätigkeiten, die wir eigentlich mit unseren Körpern und unseren Händen ausführten, von Maschinen übernommen.

Heute beschränkt sich unser Handlungsfeld nicht selten nur noch auf das Betätigen der Computermaus; wobei fortschrittliche Menschen auch das schon nicht mehr nötig haben, verfügen Sie doch über eine Siri, der man die Befehle verbal gibt. Ich überspitze ein wenig …

Wir begeben uns Stück für Stück in die Immaterialität und die Hand als Erkenntnismedium sowie unser Körper als unser genuiner Standpunkt zur Welt, drohen aus dem Blick zu geraten.

Diese Tendenz spiegelt sich in der umstrittenen finnischen Reform des Schriftwesens wieder, wenn vergessen wird, was es eigentlich bedeutet, eine eigene Handschrift zu haben. Ähnliche Züge können wir auch in unseren Bildungsinstitutionen ausmachen, wenn wir beispielsweise an den Kampf um die Stunden im Werkunterricht denken oder an die permanenten Versuche, den Kunstunterricht etwa im Wahlkursbereich zugunsten von vermeintlich kognitiveren Fächern zu beschneiden.

Wenn wir auf diesen Zug aufspringen, dann geben wir vieles auf!

Wir missachten die tiefe Verbindung zwischen manuellen Fertigkeiten, körperlicher Empfindungsfähigkeit und kognitiver Leistung, die in jüngster Zeit etwa aus dem Forschungsfeld der embodied cognition empirisch handfest nachgewiesen wird. Nur eine Gehirnarchitektur, die sich auf der Basis vielseitiger leiblich- sinnlicher Tätigkeit differenziert entwickeln konnte, wird später in der Lage sein, differenziert und vielseitig zu agieren!

Wir blenden also einen wichtigen Aspekt aus, wenn wir bildlich gesprochen den Kopf vom Körper trennen und dann meinen, wir könnten den Kopf alleine in abstrakten Lernsettings trainieren. Mit dem Philosophen und Physiker Eduard Kaeser möchte ich sagen: Wir haben nicht einen Körper, wir sind Körper!

Diese untrennbare Einheit zwischen Körper und Geist wird immer dort besonders deutlich, wo sich der Körper in den Gestaltungsprozess einbringt und das ist überall hier im Raum wohl der Fall.

Der Philosoph Ernst Cassirer schrieb über den Handwerker – und ich meine jetzt mit Hand-werk etwas generalisierend all das, was mit der Hand gestaltet wird -: „In dem besonderen individuellen Werk, das unter seinen Händen entsteht, hat er keine bloße Sache vor sich, sondern in ihm schaut er zugleich sich selbst und sein persönliches Tun an.“

Sich selbst und das eigene Tun anschauen. Darum geht es auch in der Kunstpädagogik!

Denn wenn ich mich nicht mit fertigen Bildern zufriedengebe, sondern wenn ich selbst Hand anlege, dann spiegelt sich in der einfachsten Spur, die ich erzeuge, ein Stück von mir selbst.

Hier haben wir es nun bei weitem nicht mit einfachen Spuren zu tun. Wir haben komplexe Radierungen, wir haben feine, differnzierte Zeichnungen, wir haben Holzskulpturen in denen sich individuelle Spuren zeigen.

Ich möchte einige Thesen formulieren, um das Können der Kunst im Bildungskontext zu skizzieren:

Kunst ist auch Hand-Werk:

Malen und Zeichnen basieren auf einem in der Hand abgelegten Wissen. Man kann es implizites Wissen oder Erfahrungswissen nennen. Im Akt des Malens materialisieren wir unsere Vorstellungen, unsere Gedanken, unsere Wahrnehmungen. Wir geben etwas Immateriellem, unserer Sichtweise der Dinge, eine materielle Form, wir ver-körpern es. Und weil das, was wir auf dem Blatt verkörpern durch unsere Hand hindurchgeflossen ist, verkörpern wir immer auch ein Teil von uns selbst im Bild.

> Kunst bringt uns also mit der Welt und mit uns selbst in einen engen Kontakt.

Der Eigensinn der Materie und des Werkzeugs – und jeder der praktisch arbeitet weiß jetzt vermutlich, wovon ich spreche – dieser Eigensinn sorgt allerdings dafür, dass inneres Bild und äußeres Bild nicht geschmeidig ineinanderfließen, sondern dass eine Differenz bestehen bleibt. Da läuft die Farbe davon, da kratzt die Feder, da tropft die Tinte und es entsteht einfach so etwas Fremdes auf dem Papier, das ich dann erst einmal zu etwas Eigenem umfunktionieren muss. Vielleicht bleibt es sogar fremd …

Hier rückt die nächste These ins Licht: Kunst beruht auf dem Bruch mit Normen, Konventionen und Gewohnheiten.

Wir richten uns gerne bequem ein, indem wir wissen, wie der Hase läuft und die Welt um uns gestrickt ist. Normen und Konventionen bilden die Geländer, an denen wir unbedenklich entlang schreiten. Wahrnehmungsgewohnheiten machen es möglich, dass wir relativ unangestrengt das, was wir sehen beurteilen können. Und das ist auch gut so, denn hätten wir keine Geländer an denen wir uns festhalten können und keine Routinen, die unser Wahrnehmen und Handeln unbewusst lenken, wären wir in permanenter Taumelbewegung gefangen und müssten uns fortwährend darum kümmern, nicht umzufallen.

Aber: von zeit zu Zeit ist es dann doch notwendig, eben jene Konventionen ein wenig durchzuschütteln, damit sie nicht gerinnen und dann weder ansehnlich noch genießbar sind. Künstlerisches Tun ist hier ein wirkungsvolles Werkzeug, definiert sich Kunst doch per se durch die Überwindung des Tradierten und zu Konvention erstarrten. Das ist der Gedanke der Avantgarde. Das immer Voraussein, die Dinge ändern, die Dinge neu entwerfen und das Gewohnte brechen.

Hier haben wir zum Glück keine Verpflichtung zu Avantgarde. Das ist gut, denn im System der Kunst enstehen wieder andere Systemzwänge die dann auch wieder zur Erstarrung führen. Das können wir elegant umschiffen. Dennoch ist es unser Anliegen als Lehrende eben jenen Motor für Neues in Euch, liebe Studierende in Gang zu setzen.

Und das geschieht etwa, wenn wir Gemälde produzieren, bei welchen wir große Teile dem Zufall überlassen. Wenn wir uns von der Zweckorientierung lösen und eben nicht mehr den Hirsch vor dem Wald darstellen, sondern schauen, was auf dem Papier passiert. Wenn wir eine Sensibilität für das Eigenleben und den Eigensinn des Materials entwickeln, den ich vorhin schon erwähnte, wenn wir uns auf den Zufall einlassen, wenn wir uns für das öffnen, was sich ereignet, oder auch wenn wir ganz neue Techniken erwerbe und sich für uns damit wieder neue Wege öffnen.

Wir können also resümieren:

Nur wer bereit ist, Probierbewegungen durchzuführen, kann zu neuartigen Ergebnissen kommen. Das heißt, wir brauchen ergebnisoffenes Arbeiten; wir lernen uns auf Prozesse einzulassen, wir lernen Sinn und Bedeutung im Tun, im eigenen, im selbsttätigen Gestalten zu entwerfen.

Kunst bedeutet, sich auf Suchbewegungen jenseits ausgetretener Pfade und Normen einzulassen und neue Sichtweisen zu entwickeln, so die These.

Je abstrakter unsere Bilder werden, umso mehr sind wir darauf angewiesen, eine neue Art des Sehens zu entwickeln.

Für gewöhnlich arbeitet unser Sehapparat so, dass wir Dinge die wir wahrnehmen mit den Kategorien abgleichen, die wir bereits in unserem Kopf angelagert haben. Gehen wir so an ein abstraktes Gemälde heran, wie etwa diese nahezu ungegenständlichen Landschaften, dann kommen wir nicht weit. Denn wenn wir nach Bäumen, nach Häusern, nach Blumen suchen, dann finden wir vielleicht Analogien, aber dann ist die Geschichte mit dem Bild zu Ende. Es führt uns nicht in das Bild hinein. Es geht hier vielmehr darum, Farbklänge zu erkennen, Rhythmik der Formen zu finden, das Spiel der feinen Kontraste wahrzunehmen und zu spüren.

Dieses sehende Sehen, das ich hier meine, lässt Konventionen hinter sich. Es schöpft nicht aus dem Pool an gewohnten Kategorien und Erklärungen, die wir uns zurechtlegen, sondern lässt sich auf das, was sich den Sinnen bietet ein.

Wenn wir etwa Malen lernen, so möchte ich sagen, lernen wir zu abstrahieren, ohne in die Eiswüste der Abstraktion zu geraten, vor der Walter Benjamin warnte. Denn: Es handelt sich um ein Abstrahieren bei Sinnen, statt von Sinnen. Unsere unsere Sinnlichkeit und unser Gefühl sind an diesen Handlungen und Denkvorgängen immer aufs Engste beteiligt. Im zuvor skizzierten Sinn geht es auch um ein Hand-Werk und um die besondere Art der Einfühlung und Sensibilität“, die nur die künstlerische Tätigkeit mit der Hand entstehen kann.

Wir nehmen die Brillen der harten Begrifflichkeiten und Kategorien ab und beginne neu zu sehen. Wir begegnen uns und haben im nächsten Moment die Chance, uns selbst zu überschreiten, indem wir immer wieder auf etwas stoßen, was wir eigentlich vielleicht gar nicht verstehen, wenn sich etwa der zuvor benannte Zufall einschaltet oder das Material mit seinem Eigensinn ganz eigene Ideen verfolgt.

Dies kann zum Motor für Persönlichkeitsentwicklung werden, denn im bildnerischen Arbeiten bin ich stets aufgefordert, individuelle Entscheidungen zu treffen. Wir navigieren durch bekannte – und je nachdem wie intensiv wir uns einlassen – eben auch fremde Felder und können uns dabei, wenn wir es ernst nehmen, nicht auf einen vorgefertigten Plan verlassen, sondern stehen in der Pflicht, eigene Pfade zu finden.

Dies hat viel mit Befähigung zur Freiheit zu tun!

Und in diesem Sinn kann ich nun meine skizzenhaften Überlegungen mit einem Gedanken von Julian Nida-Rümelin abschließen: „Bildung soll nicht Untertanen schaffen, Bildung soll nicht das Funktionieren der Ökonomie sicherstellen, Bildung soll keinen ideologischen Zielen dienen, sondern Bildung ist der Weg zur autonomen zur selbstbestimmten Existenz. Das oberste Bildungsziel ist menschliche Freiheit“ (Nida-Rümelin 2013, 83)

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