Kunst als Möglichkeits- und Freiheitsraum?

Auszug aus einer Rede zur Vernissage der Ausstellung „Rahmenlos“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt am 12.06.2015

Überzeichnetes Porträt von einem Flüchtling aus Bangladesch

Überzeichnetes Porträt von einem Flüchtling aus Bangladesch

(…)Die Frühlingsschule geht auf die Initiative Tun zurück – TUN organisiert in Zusammenarbeit mit der KU Eichstätt Starthilfe für Flüchtlinge. Neben Sprachkursen, individueller Begleitung und Hilfe bei organisatorischen Belangen, wurden über TUN von Iris Pachowsky und Caroline Partsch auch bildnerische Gestaltungskurse angeboten.

Diese Kurse zeichnen sich durch große Flexibilität aus. Es geht nicht darum, eine spezielle Technik zu vermitteln, sondern die Mittel und Werkzeuge der Kunst als Spielfelder unterschiedlichster Ausdrucksmöglichkeiten und Themenbezüge anzubieten. Dort, wo eine gemeinsame Sprache fehlt, muss es darum gehen, viele Ausdrucksformen anzubieten.

Neben Malerei und Zeichnungen finden sich u.a. auch Collagen.

Über ein, der Kollage durchaus verwandtes Verfahren sagte der Künstler Daniel Spoerri „Ich klebe Dinge, damit sie kleben bleiben“

Was bleibt hier kleben? Und wozu soll etwas kleben bleiben?

Im Bildermachen schaffen wir Ordnung, wir wählen Motive, wird gewichten diese, verbinden oder verdecken Einzelnes oder geben dem ein oder anderen ein neues Aussehen.

Das Bildnern hilft, unsere Innenwelt zu sortieren und nach außen zu tragen, auch dort, wo Worte fehlen oder vielleicht gerade dort. Darin liegt ein Moment der Selbstermächtigung, der Selbstwirksamkeitserfahrung: Ich bin es, der die Dinge in die Hand nimmt, der sich für etwas und gegen etwas anderes entscheiden kann. Ich wähle dies und lehne jenes ab. Ich verwandle das eine und lasse etwas anderes entstehen.

Wenn wir Bildschnipsel auswählen, anordnen und überarbeiten, dann ordnen wir nicht nur die Dinge im Format, wir ordnen auch ein Stück weit unsere Sicht auf die Welt, denn Bildermachen hat viel mit Weltbild machen zu tun. Bilder generieren Sichtweisen und unsere Sichtweisen machen für uns die Welt letztendlich erst sichtbar.

Nelson Goodman nannte diese symbolischen Gestaltungsprozesse daher „ways of worldmaking“ – Weisen der Welterzeugung!

Kurz zusammengefasst: es geht nicht darum, dass wir hübsche Dinge machen. Wenn wir malen, wenn wir zeichnen, wenn wir collagieren, dann geht es darum, dass wir unser eigenes, unser individuelles Weltbild gestalten.

Nun darf man das, was ich eben sagte, nicht falsch verstehen. Gemeint ist nicht, dass wir mit jedem Bild, das wir malen, die Wirklichkeit nach unserem Belieben verändern könnten. Das wäre schön, ist aber leider ja nicht so.

In keinem Fall möchte ich den Eindruck vermitteln, man könne über das Gestalten von Bildern die Härten der Realitäten unmittelbar ändern. Die Kanten und Ecken, die zu eng werdenden Rahmen bleiben leider bestehen.Wir können dieser Wirklichkeit, die uns immer wieder – und bisweilen auch mit großer Härte einholt aber etwas entgegenstellen: Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben. So nimmt der Schriftsteller Robert Musil an und folgert:

Wer ihn – den Möglichkeitssinn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehn; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“

Insofern dürfen wir sagen, dass die Kunst ein Hort der Freiheit ist, zumindest der inneren Freiheit

Darin liegt auch für Friedrich Schiller die eigentliche Kraft des künstlerischen Arbeitens.

Im ästhetischen Zustand ist der Mensch bei Null, so nimmt Schiller an. Ästhetischer Zustand, das meint den Moment, wo wir im künstlerischen Gestalten quasi alles um uns herum vergessen.

Was aber meint er mit „null“?

Wir können für Momente die Rollen, die wir im Alltag anziehen und die wohl bisweilen auch zu undurchdringbaren Rüstungen werden, ablegen. Die festen Rahmungen, die das Leben für uns einrichtet, können zumindest für Momente brüchig oder beweglich werden.Wir sind bei null, weil wir all das, was uns im alltäglichen Leben bestimmt, im Freiraum der Gestaltung hinter uns lassen können.

Wir beginnen anders zu sehen, und neu zu sehen. Und wenn es gut geht, dann entwickeln wir daraus vielleicht auch eine Kraft, die dann in unser in Leben hineinstrahlt. Wer künstlerisch tätig ist, der kennt die Erfahrung: Jeder künstlerische Spielraum, jeder Augenblick des involvierten Versunkenseins in das eigene gestalterische Handeln, erweckt Lebensgeister.

Schiller ging in seinem idealistischen Entwurf so weit zu sagen, dass man einen „Staat der Not“ nur durch die Kunst in einen „Staat der Freiheit“ verwandeln könne,

Wr meinte konkret, durch ästhetische Bildung und durch künstlerische Erfahrung könnten Kräfte im Menschen aktiviert werden, die nicht nur zu innerer Freiheit führen würden, sondern die sich letztlich auch auf die Gesellschaft auswirken und aus einer unfreien, eine freie Gesellschaft machen, könnten. Denn es sei die Schönheit, durch die wir zur Freiheit wandern. Wir dürfen die Schönheit mit der Kunst gleichsetzen, wenn wir den zeitlichen Hintergrund bei Schiller bedenken, und dürfen sagen, denn es ist die Kunst, durch die wir zur Freiheit wandern.

Ein großes Ideal und wohl oft weit entfernt von dem, was wir erleben oder über die Medien erfahren. Schiller schrieb seine Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen 1793 und von der Freiheit, die er in theoretisch in greifbare Nähe rückte, sind wir nach wie vor weit entfernt, denkt man etwa an die schrecklichen Vorkommnisse in Syrien.

Und trotzdem:

Ich bleibe dabei!

Im künstlerischen Gestalten, im Fotografieren, im Zeichnen, im Malen, im Plastizieren können wir anderes Denken und anderes Handeln einüben. Anstatt Alternativlosigkeit erfahren wir einen Reichtum an Alternativen:

Durch diesen Alternativreichtum lernen wir eine Form- und Gestaltungskraft kennen, die wir dann schon auf die jenseits des Ateliers befindlichen Räume übertragen können.

Kunst gehört nicht einfach zu den schönen Seiten des Lebens, die von den hässlichen und schrecklichen leicht abgesondert werden können. Künstlerisches Gestalten ist vielmehr als komplementär, d.h. ergänzend und vervollständigend, zu unseren Alltagsstrukturen und Routinen zu sehen.

So wie das Rot seine volle Kraft erst durch das komplementär gegenübergestellte Grün bekommt, entfaltet unserer Wirklichkeit nur durch den Möglichkeitssinn, den wir auch in ersten zaghaften Gestaltungsschritten erfahren können, ihre ganze Tiefe.

Vielen Dank für diese schöne, vielseitige Ausstellung.

Vielen Dank für´s TUN!

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